Wenn der Flieger ins Meer stürzt

Besatzungen von Flugzeugen und Hubschraubern der Bundeswehr üben in Bremerhaven und vor Neuwerk das Überlen auf See

Zum dritten Mal baumelt Hauptmann Dieter R. in fünf Meter Höhe an einem Geschirr über dem Becken der Wasserübungshalle auf dem Gelände der Marineoperationsschule in Bremerhaven. Zum dritten Mal gibt Fregattenkapitän der Reserve Siegfried „Siggi“ Friebe, Leiter des Wiederholer-Lehrgangs „Überleben auf See“ für Jet-Besatzungen, das Kommando: „Bail out! – Schleudersitz-Ausschuss!“ Zum dritten Mal löst der 31-jährige EUROFIGHTER-Pilot vom Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ in Laage bei Rostock die Atemmaske vom Fliegerhelm und den gelben Schlauchboot-Container von seinem Gurtzeug, so dass dieser – an einer langen Leine befestigt – ins Wasser fällt. Dann greift R. nach oben in die Fallschirmgurte und nimmt Sprunghaltung ein.

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Raus in die Nordsee: Der Schlauchboot-Behälter ist an einer Leine befestigt, damit er nicht verloren geht. Das Lehrpersonal überwacht den Absprung. / Stefan Petersen

Das Lehrpersonal entriegelt das Geschirr und der Hauptmann folgt der Erdanziehung und dem Container. Der Unterschied zu den ersten beiden Wasserungsübungen am Sprungturm, die ein drillmäßiges Beherrschen der Notverfahren sicherstellen sollen: Dieses Mal ist die große Halle abgedunkelt. Denn schließlich kann ein Absturz über See auch in der Nacht erfolgen.

Es ist der zweite Lehrgangstag. Der Fall vom Sprungturm ist Teil eines Parcours, den die Teilnehmer absolvieren müssen. Dazu gehört unter anderem das Unterqueren eines auf der Wasseroberfläche aufgespannten Fallschirms, indem sich der Proband an den Fangleinen durchhangelt. Allerdings ist zu Beginn des Manövers das linke Hand- mit dem rechten Fußgelenk zusammengebunden. „So wird die Unbeweglichkeit nach einem Armbruch simuliert“, erläutert Friebe. Erst wenn die Mitte des Schirms erreicht ist, darf das Verbindungsseil mit einem Seitenschneider gekappt werden.

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Ein Proband wird zur „Wangerooge“ zurückgebracht und wieder abgewinscht. / Stefan Petersen

Auch das Entern des Ein-Mann-Schlauchboots aus dem Schleudersitz-Container ist nicht so einfach, wie es zunächst erscheint. Und die große, aufgeblasene Rettungsinsel liegt – natürlich absichtlich – auf dem Kopf im Wasser und muss erst mühsam aufgerichtet werden. Der Fallschirmschlepptrainer hingegen, der den abgestürzten Piloten – Wind im Schirm simulierend – zweieinhalb Mal mit ordentlichem Tempo durchs Becken zieht, macht auch Spaß. Wenigstens, solange man die richtige Haltung eingenommen hat und nicht mit dem Kopf unter Wasser gerät.

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Der Unterwasser-Ausstiegstrainer – das Modular Egress Training System – dreht sich beim Auftreffen auf die Oberfläche um 180 Grad. Im Vordergrund ist einer der Sicherungstaucher zu sehen. / Stefan Petersen

Tags zuvor hatte der Kurs mit einer theoretischen Auffrischung der Kenntnisse und Verfahren begonnen. Was geschieht mit dem menschlichen Körper bei Unterkühlung im Wasser, welche Rettungsmittel sind in Schwimmweste und Schleudersitz-Container verpackt, wie nutzt man diese sinnvoll? Und – ganz wichtig – immer wieder die Ermahnung, die aus wärmendem Unterzeug und wasserdichtem Kälteschutzanzug bestehende Ausrüstung komplett zu tragen: „Ohne den „Wattemann“ nutzt der gummierte Anzug nicht viel, man kühlt zu schnell aus“, doziert Friebe, selbst Ex-Jet-Pilot. Beim damaligen Marinefliegergeschwader 1 in Jagel flog er erst STARFIGHTER und dann TORNADO und spricht aus Erfahrung: 1991 war er dabei, als ein TORNADO seiner Formation über See abstürzte. Während der Pilot den Unfall überlebte, kam der Waffensystemoffizier ums Leben, obwohl auch er erfolgreich mit dem Schleudersitz ausgestiegen war und geborgen werden konnte. „Aber wegen der nicht vollständigen Kälteschutzkleidung ist er an der starken Unterkühlung gestorben.“

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Das Verhalten beim Sprung ins Wasser wird drillmäßig geübt. / Stefan Petersen

Zu den weniger beliebten Stationen der Ausbildung gehören die Tauchfahrten mit dem Modular Egress Training System (METS), einem als Hubschrauber-Kabine konfigurierten Unterwasser-Ausstiegstrainer, aus der sich die Insassen befreien müssen. Drei Fahrten sind zu bewältigen: Zunächst wird das Gerät einfach gerade zu Wasser gelassen, bei der zweiten Fahrt dreht er sich beim Eintauchen um 180 Grad auf den Kopf. Die dritte Fahrt wiederholt die zweite, allerdings wieder bei Dunkelheit. Natürlich alles unter ständiger Aufsicht des Lehrpersonals und abgesichert durch Taucher, die sofort eingreifen können, falls einmal ein Proband unter Wasser die Orientierung verliert. „Safety first ist die Devise“, so der Fregattenkapitän.

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Am dritten Tag folgt dann der Höhepunkt und Abschluss der Ausbildung: Das Open Sea Survival Training (OSST). Mit dem Schlepper „Wangerooge“ geht es von Cuxhaven aus in die Nordsee vor Neuwerk. Hier müssen die Lehrgangsteilnehmer in einer kontinuierlich ablaufenden Übung zeigen, dass sie das Erlernte und Geübte beherrschen. „Absprung“ vom Geschirr des Schleppers, Ziehen durchs Wasser, Lösen vom Gurtzeug, Entern des Schlauchboots. Überlebenspack einholen und alle Leinen über Bord werfen, damit man sich nicht in ihnen verheddert. Wasser aus dem Boot schöpfen, um nicht im kalten Wasser zu sitzen – obwohl die Schutzausrüstung auch bei fünf Grad Celsius kühler Nordsee kein Frieren aufkommen lässt. Auf den Hubschrauber warten.

Der wird je nach Verfügbarkeit von der Marine oder der Bundespolizei gestellt und winscht die im Wasser treibenden Flieger auf. Nicht vergessen, die Verbindungsleine zum Schlauchboot zu trennen, sobald der Winschvorgang begonnen hat. Das Boot sammelt die Soldatinnen und Soldaten des Lehrpersonals wieder ein, die mit Schlauchbooten immer in der Nähe der „Abgestürzten“ sind – auch hier: Safety first. An Bord des Helikopters muss erst einmal die Schwimmweste entleert werden. „Denn falls der auch abstürzt, kommt man mit aufgeblasener Weste nicht mehr heraus“, so Friebe. „In so einem Fall allerdings hat man einen ganz, ganz schlechten Tag erwischt.“ Mit dem Abwinschen der „Geretteten“ auf das Deck der „Wangerooge“ ist der Lehrgang erfolgreich beendet. Und für drei Jahre wieder die Voraussetzung erfüllt, mit dem TORNADO oder EUROFIGHTER über See zu fliegen.

Oberstleutnant der Reserve Dr. Stefan Petersen, Husum