Mein persönlicher Weg nach Berlin

Ich bin kein Stache, Jähnike, Schuricht oder ein anderer von den „Laufverrückten“ aus dem Verband. Ich bin 1,88 groß, habe drei Stellen vorm Komma beim Körpergewicht (was sich aber noch ändern sollte). Ich war in meiner Jugend sehr sportlich und jetzt, okay, na ja, jetzt bin ich nur noch sportlich. Wieder zum Laufen kam ich im Jahr 2014, in der Hoffnung im Hochzeitsanzug eine gute Figur zu machen. Das ist mir damals auch gelungen. Von da an gab es immer wieder ein Auf und Ab mit dem Laufen. Mal war die Motivation da, mal war sie zuhause geblieben, dann war mal keine Zeit, es war zu heiß, zu kalt oder es hat geregnet. Viele Ausreden um nichts zu machen. Wieder angeSTACHElt wurde ich, als mein großer Sohn bei der Laufgruppe in Laage mit dem Laufen anfing. Ich begleitete das Kind zu den Läufen und stand da und wartete bis es zurück war. – ‚Aber warum laufe ich da nicht gleich selbst mit?‘ Davon angetrieben wurden 2017 und 2018 einige Läufe erfolgreich gemeistert. Mit diesen ganzen schnellen und dünnen Läufern, wo man immer nur die Knochen sieht, hatte ich nur zum Start Kontakt, denn dann waren sie auch schon wieder weg. Irgendwann im November 2018 überkam mich der Gedanke: ‚Hey, so einen Halbmarathon den schaffst du doch auch, oder?‘ Gesagt getan und welchen läuft man da gleich? Ja na klar, den Generali-Halbmarathon in Berlin am 7. April 2019 gemeinsam mit ca. 35000 genauso „bekloppten“ Läufern. Das Anmelden ging schnell – aber man sollte vorher mal das Kleingedruckte lesen.

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Wie sah also mein Plan für den Lauf aus? Früh bei Zeiten nach Berlin fahren, seine Startnummer holen, durch Berlin laufen, seine Medaille nehmen und wieder nach Hause fahren – Pustekuchen. Ausgabe der Startunterlagen war am Freitag und Samstag im alten Tempelhofer Flughafen. Upps was nun? Okay, Samstag hinfahren, eine Nacht im Hotel, Sonntag laufen und dann wieder heim, das würde passen. Noch besser wäre, die Frau mit Shopping in Berlin ködern und die kinderfreie Zeit zusammen genießen. Klang nach einem Plan und so wollte ich das auch umsetzen. Was stand als nächstes auf der „To-do-Liste“? – Trainingsplan! An den Rechner gesetzt, im Internet geschaut und fündig geworden: Zehn Wochen Vorbereitung, vier Trainingseinheiten in der Woche.

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Das Schlimmste war das Bahntraining, stumpf im Kreis laufen. Nach Woche vier konnte ich sagen, mit einem Ziel vor Augen spult man die Runden auf der Tartanbahn auch locker ab. Größere Probleme bereitete mir das Laufen nach einer vorgegebenen Zeit/Pace: Entweder war ich zu schnell oder die Uhr zu langsam oder auch mal andersrum. Aber wir haben uns mit dem Lauf der Zeit arrangiert. Zwischendurch wurden noch Laufsachen geshoppt. -Wenn man schon nicht super läuft, kann man ja wenigsten gut aussehen, oder? Zum Ende der fünften Trainingswoche merkte ich langsam, dass die Motivation nach unten ging, das Abspulen der Trainingskilometer wurde zur Gewohnheit. Mir gingen auch langsam die Laufstrecken aus. Jetzt merkte ich das Fehlen eines Trainingspartners oder auch von einem, der mir auch einmal in den A … tritt.

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Viermal Training ist nicht ohne und wenn auch die Ruhephasen nicht eingehalten werden, kommt man schnell an seine körperlichen Grenzen. Richtung Woche sieben hieß es wieder die Motivation nach oben zu schrauben, denn hier stand ein Testwettkampf auf dem Plan. Gesetzte Zeit war 48 Minuten auf zehn Kilometern. – Hieß für mich Bestzeitkurs aber mit der Vorbereitung musste doch mehr möglich sein. Dachte ich! Als Wettkampf hatte ich mir den Frühlingslauf in Witzin rausgesucht. Dieser entpuppte sich als ein anspruchsvoller Crosslauf: viele Hügel, tiefe Waldwege und langgezogene Anstiege. Raus kam eine „48er“ Zeit. Ich lag also gut in meiner Vorbereitung. Die achte Trainingswoche war die Kilometerintensivste; durch die größere Erholungsphase aus Woche sieben lief es hier super. Langsam stieg auch die Vorfreude und Nervosität. Würde ich das auch schaffen, was ich mir vorgenommen hatte? Trainingswochen neun und zehn bestanden nur noch darin, nicht einzurosten und noch ein paar lockere Trainingseinheiten zu absolvieren.

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Mit ca. 96 Kilogramm „auf den Rippen“, 460 Trainingskilometern, kleinen erreichten persönlichen Zielen, einem Paar abgewetzten Schuhen und einem Paar durchgelaufene Socken ging es Samstag, den 6. April 2019 doch mit den Kindern Richtung Berlin. Der erste Weg führte uns zum Flughafen Tempelhof, um dort die Startunterlagen zu empfangen. Hier wurde mir schon bewusst, dass der Lauf nicht so ein „Nullachtfünfzehn-Lauf“ ist. International scheint der Lauf sehr beliebt zu sein. Wie das alles aufgezogen war, sowas hatte ich noch nicht gesehen. Die letzten Stunden bis zum Lauf vergingen wie im Flug.

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Der Tag der Tage war gekommen. Nach einem kleinen Frühstück verabschiedete ich mich von meiner Familie. Zwei Stunden zu zeitig erreichte ich den Startbereich, aber als Anfänger kann man diesen Fehler ‚mal machen. Nach einem kurzen Einlaufen auf den unendlichen Wegen des Tiergartens und mehreren Angstklogängen, begab ich mich in meinen Startblock. Da dies mein erster Lauf war, konnte ich somit keine Zeit aufweisen und lief im letzten Startblock los. Hier stand ich nun alleine unter ca. 35000 Läufern und wir fieberten gemeinsam dem Start entgegen. Langsam setzte sich unser Startblock in Richtung der Startlinie in Bewegung, hier wurde nochmal jeder Block separat gestartet.

Und los ging es. Mein erstes Ziel Richtung Siegessäule, Ernst-Reuter-Platz und Schloss Charlottenburg war, so schnell wie möglich weiter nach vorne zu laufen. Dies gelang mir auch ganz gut – mit Hilfe etlicher Bordsteinkanten und leichten Slalomläufen durch die riesige Läuferschlange, die sich zusammen durch Berlin schlängelte. Schon auf den ersten Kilometern merkte ich aber, dass das für mich kein Sightseeing wird. – Ich musste so tierisch auf die anderen Läufer und die vielen Zuschauer am Streckenrand achten. Vorbei an unzähligen Bands, Trommelgruppen und Zuschauern mit Schildern mit Sprüchen wie „Lächle, du hast dafür bezahlt“ oder „Umkehren wäre jetzt auch blöd“ ging es über den „Ku’damm“ Richtung Europaplatz/Sonycenter. Hier konnte ich im Augenwinkel einen kurzen Blick aufs Brandenburger Tor erhaschen, meinem Ziel. Die letzten Kilometer entlang am Checkpoint Charly und dem neuen Stadtschloss war für mich eine reine Kopffrage. Angekommen auf der Straße des 17. Juni wurde das Brandenburger Tor immer größer. Übermannt von vielen Emotionen durchlief ich es und wenig Meter später überquerte ich die Ziellinie mit einem breiten Grinsen und Gänsehaut am ganzen Körper. Mein persönlich gesetztes Ziel habe ich mit einer Zeit von 1:42:36 mehr als erreicht. Schon als die Medaille um den Hals hing waren die Schmerzen vergessen.

Abschließend kann ich sagen: Berlin ich komme wieder. Ich glaube ich bin infiziert. Das Drum und Dran ist schon einmalig und unfassbar. So, jetzt warte ich auf die unzähligen Sponsorenverträge und kann es nur jedem wärmstens weiterempfehlen, der so eine Herausforderung angehen und meistern möchte. – Fazit: Ein glücklicher Berliner Generali-Halbmarathon-Finisher 2019!

Hauptmann Torsten Gebhardt,

Stab TaktLwG 73 „S“