Leistung auf dem Prüfstand

LVGEx 2018: Die Luftwaffe testet ihre Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung

FRISIAN FLAG in Holland, GREEN FLAG WEST im US-Bundesstaat Nevada, TRIDENT JUNCTURE in Norwegen: Internationale Manöver hielten die Luftwaffe 2018 gut beschäftigt. Während bei TRIDENT JUNCTURE – der größten NATO-Übung seit Ende des Kalten Krieges – hauptsächlich die Flugabwehrraketen-Kräfte gefragt waren, fand sich die fliegerische Komponente fast zeitgleich noch vor eine besondere Herausforderung gestellt, allerdings auf nationaler Ebene. Mit der „Leistungsvergewisserung 2018“ (LVG Exercise 18) im Oktober in Laage sollte festgestellt werden, ob die Luftwaffe noch das beherrscht, was bis 1990 ihr tägliches Geschäft war: „Die Streitkräfte müssen wieder zur Landes- und Bündnisverteidigung in der Lage sein. Hier spielen die Luftstreitkräfte eine wesentliche Rolle – und ob die im Einsatz erprobten Konzepte, Verfahren und Abläufe dafür funktionieren, wollten wir hier testen“, fasst der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, den Gedanken hinter der LVGEx zusammen, die mit 800 beteiligten Soldaten die größte reine Luftwaffen-Übung seit Jahrzehnten war und auf Grundlage des Artikels 5 des Nordatlantik-Vertrags stattfand.

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Eurofighter und Tornado – Luftbetankung / Stefan Petersen

Neu war der Ansatz, dafür nicht ins Ausland zu gehen, sondern Verlegung, Führung, Versorgung und den Betrieb der Kontingente innerhalb Deutschlands zu trainieren. Dazu wurden die der schnellen Eingreiftruppe der Allianz – der NATO Response Force (NRF) – assignierten Module des Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ (TaktLwG 31 „B“) in Nörvenich und des TaktLwG 33 in Büchel zu einer Air Task Group (ATG) zusammengestellt, die wiederum Teil eines gemischten Einsatzverbands war. Der beinhaltete neben der ATG auch alle notwendigen logistischen Kräfte. Eine zentrale Rolle kam zudem dem Objektschutzregiment der Luftwaffe zu, dessen Soldaten den Verband vor Störungen und Angriffe durch Kräfte am Boden zu schützen hatten und auch bei simulierten Bränden und Unfällen eingreifen mussten. Der Fliegerhorst Laage bei Rostock diente als Main Operating Base (MOB) und das dort beheimatete Taktische Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ unterstützte als „Host Nation“ den Einsatzverband bei seinem operationellen Betrieb.

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Die fliegerischen Einsätze waren von den Szenarien am Boden und den Übungszielen allerdings komplett losgelöst: „Wir hatten es mit ganz anderen Herausforderungen zu tun“, sagt Oberstleutnant Markus Kuchenbaur, Staffelkapitän der 2. Staffel des TaktLwG 31 „B“ und Leiter der für den Einsatz im NRF-Rahmen verantwortlichen Air Task Unit EUROFIGHTER. „Jedoch beeinflusste das Geschehen am Boden mit den simulierten Terrorakten, Eindringlingen in unsere militärischen Liegenschaften und Demonstrationen auch den Planungszyklus und die Flugdurchführung für die Ausbildungs- und Trainings-Inhalte.“ Mit den Nörvenicher EUROFIGHTER und den TORNADO des TaktLwG 33 waren zwei NRF-Module mit jeweils sechs Jets vor Ort. „Wir flogen zwei Mal täglich mit je vier Jets beider Verbände COMAOs, Combined Air Operations“, erläutert Kuchenbaur. Für die gemeinsamen Missionen wurde ein hohes Bedrohungsrisiko angenommen, um den Trainingseffekt für die Besatzungen zu maximieren. „Sowohl Büchel als auch Nörvenich hatten auch nicht so erfahrene Crews zur Teilnahme an der Übung geschickt. Einerseits erreichten wir so einen möglichst hohen Ausbildungserfolg, andererseits war das auch dem Umstand geschuldet, dass die Personalsituation sowohl bei den Besatzungen als auch beim Schlüsselpersonal in beiden Geschwadern sehr angespannt ist.“

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Bekämpft wurden Ziele an Land und auf See, unter anderem auch Flugabwehrraketen-Stellungen – teilweise dargestellt durch das Waffensystem Patriot -, die für die Flugzeuge eine realistische Bedrohung vom Boden aus simulierten. Dabei wurde die NRF-Komponente von weiteren Kräften ergänzt, neben den EUROFIGHTER des gastgebenden TaktLwG 73 „S“ auch EUROFIGHTER des TaktLwG 74 in Neuburg und ECR-TORNADO des TaktLwG 51 „I“ in Schleswig sowie zivile Zieldarstellungsflugzeuge vom Typ Learjet der GFD und PC-9 von EIS Aircraft. Ein A400M des Lufttransportgeschwaders 62 in Wunstorf sorgte von seiner Heimatbasis aus für die notwendige Transportkapazität bei der Verlegung. „Praktisch war die gesamte Luftwaffe bei der Übung dabei“, sagt Kuchenbaur. Entweder auf der „roten“ Seite als angenommener Gegner wie zumeist die Neuburger Jets, auf der „blauen“ Seite wie die Maschinen aus Schleswig oder auf beiden wie die Hausherren in Laage. Besonders hebt Kuchenbaur hervor, dass bei fast jeder Mission ein Airbus A310 MRTT der Flugbereitschaft in Köln als Tanker zur Verfügung stand: „Das maximierte und optimierte das Training.“

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„Wir, also das NRF-Kontingent, waren der Kern der Blue Force, wir stellten den Mission Commander und agierten wie in einem realen Szenario nach den Air Task Orders (ATO)“, so der Oberstleutnant weiter. Während die Bücheler TORNADO ausschließlich in der Luftangriffsrolle unterwegs waren, flogen die Nörvenicher EUROFIGHTER multi-role, also sowohl als Jäger als auch als Jagdbomber. Als Jagdbomber müssen die EUROFIGHTER wie die TORNADO innerhalb von 60 Minuten nach Alarmierung in der Luft sein, als Jäger sogar nach 15 Minuten. „Alarmstarts wurden hier in Laage ebenfalls geübt, von uns wie von den Bücheler Jets.“ Wobei die Doppelrolle der EUROFIGHTER des TaktLwG 31 „B“ auch eine logistische Herausforderung für die Technik war: „Denn die musste die Jets ja auch in der jeweiligen Rolle ausgerüstet bereit stellen“, so Kuchenbaur. Daher wurde die Beladung von den Warten ebenfalls für beide Aufgabenfelder geübt. Geflogen wurde aber nur mit Zielbeleuchtungsbehältern (Laser Designator Pods – LDP), zwei IRIS-T-Übungsraketen und – je nach Einsatzrolle – vier bis sechs simulierten AIM-120-AMRAAM-Lenkflugkörpern mittlerer Reichweite, jedoch ohne reale Bewaffnung.

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Die fliegerischen Einsätze hatten auf das übergeordnete Übungsziel, nämlich die Verfahren für den Einsatz von einer deutschen Main Operating Base aus zu verifizieren und weiter zu entwickeln, jedoch keinen Einfluss. „Wir wollten Anpassungs- und Verbesserungspotenzial in den Konzepten, Verfahren, Vorschriften und Regelungen identifizieren“, erläutert Brigadegeneral Andreas Hoppe, Bereichsleiter Luft im Luftwaffentruppenkommando in Köln und Exercise Director der LVGEx. Was ein Umdenken erfordert habe bei den Beteiligten, die „es gewohnt seien, trotz unzureichender Ressourcen oder ohne etablierte Verfahren ihren Auftrag zu erfüllen, um mit hohem Engagement das Unmögliche doch noch möglich“ zu machen, so Hoppe. „In diesem Fall wäre das aber kontraproduktiv gewesen. Bei LVGEx war es zwingend erforderlich, dass sich alle, die an den Führungs- und Entscheidungsabläufen beteiligt waren, auch an die geltenden Vorgaben halten.“ Am Ende konnte der Inspekteur ein positives Fazit ziehen. „Unser Ziel war ja nicht, zu beweisen, dass alles hundertprozentig funktioniert“, so Gerhartz. „Dass noch Luft nach oben ist, wissen wir.“ Wichtig sei es gewesen, die entsprechenden Erkenntnisse zu gewinnen. „Und die müssen wir jetzt erstmal auswerten.“

Oberstleutnant der Reserve Dr. Stefan Petersen, Husum