Eine Reise ins Unbekannte – oder „Yassu Hellas“

„Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen“, lautet ein Sprichwort. Und an jedem Sprichwort ist bekanntlich auch immer etwas Wahres dran.

Die Idee an einer Reise nach Griechenland war eigentlich nicht neu. Aber wir hatten diese unter anderem aus familiären Gründen nie wirklich in Erwägung gezogen. Da aber unsere Gedanken mehr und mehr in konkrete Vorstellungen übergingen, beschlossen wir, diese Idee in 2019 auch umzusetzen. Die Vorbereitungen begannen bereits im Frühherbst des letzten Jahres. Es wurden erste Kontakte zu den offiziellen Stellen hergestellt. Wer ist denn für eine Zutritts-, Foto- und Journalistengenehmigung auf griechischen Militärflugplätzen zuständig? Welche Wege sind zu gehen? Und überhaupt, wie verständigen wir uns eigentlich?

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten (der Grieche spricht zwar Englisch, aber auch das ist eher „gewöhnungsbedürftig“ (!) hatten wir alles Notwendige veranlasst und abgesprochen, die Termine allerdings waren bis dato noch nicht bekannt – wir sollten uns keine Sorgen machen.

Als bis Ende Februar immer noch keine Terminierungen bekanntgegeben werden konnten und wir keine Freunde des „last-minute-Flugs“ (Planung) sind, beschlossen wir, uns sprachliche Unterstützung zu holen. Eine sehr guter Freund aus dem Ort, ein Grieche mit entsprechendem Speiselokal (was auch sonst) half uns bei der Kommunikation mit den Offiziellen aus Athen und so konnten die letzten organisatorischen Dinge erledigt werden. Last Minute – danke Nico! Die Termine wurden auch erst offiziell zwei Wochen vorher bekanntgegeben. In Griechenland schien man es nicht sonderlich eilig zu haben. Aber es geht ja auch so…

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Im April dieses Jahres ging es also zum ersten Mal zum Fotografieren nach Griechenland, und zwar zum griechischen Militär-Luftwaffenstützpunkt Andravida. Der Flugplatz liegt etwa 270 Kilometer westlich von Athen auf der griechischen Halbinsel Peloponnes. Dort fand vom 1. bis zum 12. April 2019 die zweiwöchige Übung „INIOCHOS“ statt.

Die Reise war für fünf Tage, von Montag bis Freitag, angesetzt. Es ging los am Montag, den 1. April -das war der erste Tag der Übung – der Flug ging pünktlich, keine April-Scherze. Für die An- und Abreise ist trotz des bequemen Fluges ein ganzer Tag einzuplanen.

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Der folgende Tag war unser „Urlaubstag“, für den Mittwoch war der offizielle „Media Day“ angesetzt, der Donnerstag war ebenfalls zum Basisbesuch organisiert.

Wer das Land schon einmal abseits des „All-in-Tourismus“ erkundet hat wird bestätigen, dass die dort geltenden Verkehrsregeln nur einen Zweck haben, nämlich missachtet zu werden. Eine Tatsache, die uns im Laufe der Reise immer wieder aufs Neue bestätigt wurde. Ansonsten ist die Fahrt von Athen zur Hafenstadt Patras auf der neu entstandenen Autobahn bequem und landschaftlich der Küste folgend wunderschön. Mit etwas Zeit ist die Nutzung der Straßen abseits der Autobahn durch die Ortschaften empfehlenswert.

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Am frühen nächsten Morgen ging es vom Hotel zunächst einmal zum Flugplatz Andravida, der immerhin noch 35 Kilometer von unserem Hotel entfernt lag (Verkehrsregeln?). Spannend waren auch die zahlreichen teilnehmenden Fahrzeuge, die einen TÜV-Besuch in Deutschland augenscheinlich nicht gutgetan hätten. Aber lassen wir das.

Da uns bekannt war, dass die griechischen Militärs es nicht gestatten, wenn man sich militärischen Einrichtungen nähert, dort aufhält oder gar dort fotografiert, beschlossen wir, uns in etwas Abstand zum militärischem Sicherheitsbereich auf dem Firmengelände eines Obstgroßhändlers unweit des Anfluges hinzustellen, erste Eindrücke über den Flugplatz zu gewinnen und den Flugbetrieb zu verfolgen. Es stellte sich heraus, dass das fliegerische Geschehen von seinem Gelände prima zu verfolgen war. Der Händler schien über seinen plötzlichen Besuch sehr verwundert (nachvollziehbar), ließ es sich aber nicht nehmen, uns sein Gastgeschenk in Form einer Kiste Apfelsinen zu überreichen. Damit war der Vitamin-C-Haushalt für die Woche gedeckt. Wie wir im Übrigen während der gesamten Reise festgestellt haben, erstreckt sich die griechische Gastfreundschaft und generelle Freundlichkeit nicht nur auf die Touristengebiete – großes Kompliment.

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Am Mittwoch waren wir zum „Media Day“ geladen. Alles war gut organisiert und lief reibungslos. Etwas ungewöhnlich war allerdings die Tatsache, dass die Prüfung der Zugangsberechtigung von dem Personal der Hauptwache zu erledigenden war und der Anblick der umgehängten MP samt scharfer Munition schon etwas gewöhnungsbedürftig war.

Verantwortlich für die Durchführung der Betreuung der Medienbesucher sowie der Durchführung dieser militärischen Übung ist die 117th Combat Wing (Kampfgeschwader) sowie das sogenannte Air Tactics Center, beides beheimatet auf den Stützpunkt in Andravida. Die Basis liegt im Norden der Peleponnes, südwestlich der Hafenstadt Patras. Sie ist außerdem die Heimat der letzten McDonnell Douglas F-4 PHANTOM in Europa.

INIOCHOS 2019

Die Geschichte von INIOCHOS geht bis in die späten 80er Jahre zurück. Sie ist von einer kleinen nationalen Übung in den 80er Jahren zu einer internationalen Übung respektabler Größe gewachsen und hat internationale Bedeutung erlangt.

So wurden in den Jahren verschiedene taktische Verfahren aller Teilstreitkräfte geübt, jedoch ausschließlich auf griechischer nationaler Ebene. Im Jahr 2013 änderte sich die Zielsetzung der Übung aufgrund der veränderten Bedrohungslage und INIOCHOS wurde international. Es war die Konsequenz aus einer Entscheidung der griechischen Luftwaffe 2013, mit dem Ziel, das operative Training an die jeweilige Sicherheitslage anzupassen.

Ab dem Jahr 2014 wird die Übung als sogenannte Invitex (Invitational Exercise – Übung auf Einladung) durchgeführt, bei der alle Teilnehmer auf einer Basis stationiert werden und von dort operieren. Dieses „Ein-Basen-Konzept“ bringt vielerlei Vorteile mit sich, wie Colonel Zolotas, Kommandeur des Air Tactics Center HAF, während unseres Besuches erläuterte. „Das Konzept bringt hunderte von Teilnehmern persönlich für Planung, Vor- und Nachbesprechung zusammen und maximiert damit das Training. Es erzeugt zudem gemeinschaftliches Handeln, den persönlichen Austausch von Ideen oder Taktiken zwischen allen Teilnehmer mit unterschiedlichen Erfahrungen“, so Colonel Zolotas.

Die Übung beinhaltet aber nicht nur Luftfahrzeuge – parallel halten die griechische Armee und die Marine ebenfalls ihre Übungen ab. Damit können unterschiedlichste Bedrohungsszenarien mit den jeweils unterschiedlichen Trainingszielen zur Verfügung gestellt werden.

Heute ist es eine hochwertige Übung für die griechische Luftwaffe sowie deren Partnernationen. Sie führt auch Nationen zusammen, die sonst eher nicht gemeinsam trainieren würden, wie die Luftwaffen aus Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Neben den erwähnten Staaten nahmen der Gastgeber und die italienische Luftwaffe (TORNADO IDS/ECR, erstmalig F-35A) sowie die US Air Force teil. Simuliert wurden verschiedene sich ständig verändernde Krisensituationen, die verbunden waren mit unterschiedlichsten Übungslagen, individuell zu planende Missionen erforderten. Einsätze waren so kurzfristig der sich ändernden Lage anzupassen; geflogen wurde bei Tag und bei Nacht, zwei bis dreimal am Tag.

Trainiert wurden die Szenarien in kleinen oder großen (gemischten) Verbänden. Hier waren Aufgaben in der Luftverteidigung, der Bekämpfung von Bodenzielen (insbesondere gegnerische Luftabwehr), der Luftraumüberwachung und der elektronischen Kampfführung zu erfüllen. Die zu erfüllenden Aufgaben sind nicht auf einzelne Verbände der jeweils teilnehmenden Staaten beschränkt; es kommen also unterschiedliche Aufgaben auf den jeweiligen Verband zu (abhängig vom eingesetzten Flugzeugmuster).

Insgesamt wurden in diesem Jahr etwa 75 Kampflugzeuge sowie rund 200 Flugzeugbesatzungen und bis zu 1000 Techniker- bzw. Wartungspersonal nach Andravida verlegt. Dazu kamen die selbst in Andravida stationierten F-4 PHANTOM, die ebenfalls an der Übung teilnahmen.

Die Wichtigkeit und die große Bedeutung dieser Übung wurde in diversen Gesprächen und in der offiziellen Pressekonferenz immer wieder betont. „Griechenland ist historisch und kulturell mit dem Mittleren Osten und Nordafrika seit Jahrtausenden verbunden, ist als NATO- und EU-Mitglied ein integraler Teil der Region und agiert als Brücke zu Europa, um dessen Werte und Prinzipen zu fördern: Stabilität, Frieden und Sicherheit.“, so das Statement aus den offiziellen Quellen.

Im Übrigen ist INIOCHOS das griechische Bezeichnung für einen Wagenlenker, dessen Ziel es ist, immer die Kontrolle über das Geschehen zu haben und durch Geschicklichkeit und Erfahrung sein Ziel zu erreichen und damit sinnbildlich für den Namen der Übung auserkoren wurde.

Media Day

Wie erwähnt, war der Ablauf der Medientage bestens organisiert. Es bestand bis zum frühen Abend die Möglichkeit, den Flugbetrieb zu verfolgen und Fotos anzufertigen, dazwischen eine Pressekonferenz mit vielen Informationen, ein Besuch des Tactics-Centers im Osten des Flugplatzes und zahlreiche Eindrücke, in den Alltag der Technischen Gruppen und deren Arbeit zu verfolgen.

Die eingeladenen und teilnehmenden Länder konnte man einerseits anhand der NATO-Mitgliedschaft Griechenlands definieren (USA, Großbritannien (2017), Italien) aber auch über das Ziel der Übung die Anrainerstaaten des östlichen Mittelmeeres und deren Streitkräfte zusammenzubringen und gemeinsame Operationen zu üben, zum Beispiel Italien, Zypern, Israel, Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten.

Wie auf der abgehaltenen Pressekonferenz vermittelt und in der Vergangenheit vom griechischen Nationalen Verteidigungsstab betont „ist die Übung eine wichtige Ergänzung in den Bestrebungen freundschaftlicher Beziehungen und Kooperationen zwischen allen Streitkräften. Mit dieser groß angelegten Übung sollen weitere Meilensteine in der Förderung von Frieden und Stabilität in der Region erbracht werden. Darum üben NATO- und Nicht-NATO-Streitkräfte zusammen“ – Zitat der offiziellen Medien.

Diese Zusammenarbeit ist während des „Media Days“ auch sehr deutlich geworden. Die Medienvertreter bekamen während der Flugpausen die Gelegenheit, einen Einblick in den täglichen Arbeitsalltag von Besatzungen und Technikern. Beispielhaft hierfür waren das sehr entspannt wirkende israelische „Lager“ oder die sich im Gespräch vertieften Techniker aus Israel mit den Kollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Beeindruckend umso mehr, da die beiden Länder keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Und das nicht zum ersten Mal; die beiden Nationen übten auch in 2018 bereits zusammen.

Ein insgesamt sehr beeindruckender und anstrengender Tag auf der Basis ging gegen 19:00 Uhr zu Ende – Ausweistausch und dann, der Leser ahnt es vielleicht schon, 30 Minuten über Griechenlands Straßen mit mehr oder weniger Verkehrsregeln…

F-4 PHANTOM

Am Donnerstag hatten wir etwas mehr Zeit. Gegen Mittag ging es aufgrund freundlicher Einladung der 338.Staffel in deren Bereich, um Fotos und Informationen über den Betrieb der legendären F-4E PHANTOM zu bekommen. Im Jahr 1974 wurden die ersten F-4E an die griechische Luftwaffe übergeben. Interessant ist, dass die ersten Maschinen damals an die 338. Staffel (Mira) übergeben wurden. Die 338.Mira „Ares“ (griechischer Gott des Krieges) ist auch die letzte Einheit, die die F-4 bis zur vollständigen Außerdienststellung im Einsatz haben wird.

Insgesamt wurden 119 Phantom an Griechenland geliefert – teilweise neu aber auch gebraucht von der US Air Force. Es wurden zwei Varianten genutzt, die F-4E (Jagdbomber- bzw. Abfangjägervariante) und die RF-4E als Aufklärer-Version. Letztere wurden im Mai 2017 außer Dienst gestellt. Zwischen 1999 und 2005 wurden 36 F-4E zu F-4E AUP (Avionics Update Programme) modifiziert. Die Arbeiten wurden seinerzeit in Zusammenarbeit mit Daimler Benz Aerospace (später EADS) durchgeführt und beinhalteten neben zahlreichen Verbesserungen den Einbau des seinerzeit sehr modernen Hughes-AN/APG-65Y-Radars. Die Modifikationen sind im Wesentlichen vergleichbar mit den im gleichen Zeitraum vorgenommenen Modernisierungen an den F-4F der Luftwaffe (ICE – KWS).

Von den an Griechenland gelieferten PHANTOM befinden sich noch etwa 35 Exemplare im Dienst. Bei den Flugzeugen handelt es sich allesamt um F-4E AUP. Zwei Staffeln waren bis 2018 in Andravida stationiert, die 338.Mira „Ares“ und 339.Mira „Aias“ (Ajax – Held des Trojanischen Krieges). Die Aufgaben der beiden Staffeln waren klar aufgeteilt. Die 338. Mira erfüllte die Jagdbomberrolle und 339. Mira war ausschließlich für die Abfangjagd zuständig. Dies änderte sich im Jahr 2018 als die 339.Mira auf Geheiß des Hauptquartiers aufgelöst und die verbleibende 338. nun beide Rollen zu erfüllen hatte.

Die (offizielle) Auflösung der 339.Mira ließ sich bei unserem Besuch nicht so ohne weiteres erkennen, da an Gebäuden, Pilotenkombis als auch an den Flugzeugen der „Ajax“ immer noch präsent war. Aufgrund des Alters der F-4 wird es jedoch mehr und mehr schwieriger, die „alte Dame“ flugfähig zu halten. Die F-4 benötigt aufgrund ihres Alters einen hohen zeitlichen Wartungsaufwand, dazu kommt die immer schwieriger werdende Ersatzteilbeschaffung. Hierfür werden bereits ausgemusterte F-4 ausgeschlachtet, die „Hüllen“ stehen im Osten der Basis im Freien und geben ein trauriges Bild ab. Auch von Deutschland gibt es noch Ersatzteilhilfe aus den alten Beständen der Luftwaffe.

„Aber die F-4 ist old, but strong“, so der Chefmechaniker von 338.Mira, und mit einem Schmunzeln gibt er der F-4 noch mindestens fünf Jahre Einsatzzeit. „Aber wir können die auch noch viel länger fliegen. Kein Problem.“ Schauen wir mal, wie lange sich die PHANTOM noch im Einsatz hält.

Mit einem Augenzwinkern und zum Thema „old, but strong“ sei noch erwähnt, dass das wohl auch zu dem Fuhrpark zu sagen ist, zumindest den Fahrzeugen, mit denen wir gefahren worden sind – da war er wieder, der TÜV.

Aber es sei an dieser Stelle abermals die sehr freundliche und gelassene griechische Art hervorgehoben, die den Besuch so sehr angenehm machte. Und so verging die Zeit wieder mal viel zu schnell, im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Flug. Nach einem gemütlichen Abschlussabend im Hotel ging es am Freitag sehr früh zurück nach Athen, um von dort den Flieger zurück nach Deutschland nicht zu verpassen. Insgesamt eine Reise, die sich lohnt, wiederholt zu werden, dessen sind wir uns einig.

Und wenn sich einer fragt ‚Warum an einer Tankstelle vor Athen eine Kiste mit den übrig gebliebenen Apfelsinen steht?‘, die durften wir nicht mit in den Flieger nehmen. – Guten Appetit an die nachfolgenden Finder.

Wir möchten uns auf diesem Weg abschließend herzlichst bei den Verantwortlichen der griechischen Behörden in Athen (Hellenic Air Force Spokesman), dem Kommandeur des Air Taktic Centers der Andravida AFB, der 338 Mira HAF mit ihren Staffelverantwortlichen (es war sehr gemütlich in der Lounche) und natürlich nicht zu vergessen der deutschen Botschaft in Athen für die hervorragende Unterstützung bei der Planung und Durchführung bedanken!!

Wir sehen uns bald wieder. … Efharisto Poli!

Matthias Birwe / Michael Brand

BB Militaerluftfahrtdokumentation