Unterwegs mit Überschall

Angehende Kampfjetpiloten werden ihrem versnobten Ruf definitiv nicht gerecht. Im Gegenteil, sie wirken eher bescheiden im Auftreten und zurückhaltend im Umgang mit ihrem beruflichen Weg, auch wenn die "Top Gun"-Kulisse um sie herum in echt gebaut wurde.

…einmal Platz nehmen bitte…

Die Menschen im Kampfjetcockpit

Es scheint, als hätten sie selbst Respekt vor dem was auf sie zukommt, gleichwohl sie schon das Limit Vieler, wie eine federnde Etappe hinter sich ließen. Sie haben sich auf einen schmalen Grad begeben, um Hindernisse und Steilanstiege zu überwinden, immer weiter, bis sich eines Tages der Shelter öffnen wird und ein Kampfjet darauf wartet, durch sie geflogen zu werden. Doch wer sind diese Menschen, die sich trauen, mit Mach 2 für Deutschland durch den Himmel zu jagen?
Auf den ersten Blick scheinen sie verschieden. Bei der Luftwaffe fliegen Frauen wie Männer und Soldaten unterschiedlicher Herkunftsländer mit deutschem Pass. Nur wer näher hinsieht bemerkt, wie ähnlich sie sich sind. Es ist etwas, das vielleicht nur Außenstehende greifen können, wenn sie von der Atmosphäre ihrer Gegenwart erfasst werden, in der sich ansteckende Ruhe verbreitet, als würde eine Decke über den Raum gelegt. Die angehenden Kampfjetpiloten wirken innerlich gut sortiert, strahlen beim Reden eine Entspanntheit und Strukturiertheit aus, dass man sofort spürt, sie sind die Richtigen um 74000 Pferdestärken nach ihren Regeln galoppieren zu lassen.
Doch das verdanken sie nicht allein ihrem kruppstahlharten Willen, ihrer zähen Ausdauer, ihrem Elternhaus, oder ihrer Sozialgeschichte, sondern vor allem ihrer besonderen neurophysiologischen Taktung. Ihre Schaltzentrale funktioniert einen kleinen Funken schneller, multifunktionaler und handlungsstrangverzweigter, als beim Querschnitt der Bewerber. Zudem stellen sie sich der g-Kraft mit dafür gemeißelter Physis entgegen.
Trotz allem sind hier keine Übermenschen unterwegs, die einem filmreif auf dem Flugfeld beherzten Schrittes, mit Helmtasche unterm Arm, entgegenschreiten. Wie jeder der seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt, haben auch sie gute und schlechte Tage. Bei letzteren bleiben sie am Boden. Geflogen wird nur bei Zustand "top-de-luxe", körperlich, wie seelisch.
Sobald sie im Kampfjet sitzen verändern sich ihre Augen und ihr Habitus. Es sind nicht nur die Schläuche und Kabel die sie mit dem Cockpit verbinden, es ist als verschmelze ihre Aura im Funkeln der LEDs der vor ihnen liegenden Instrumente mit dem Jet. Die Bewegungen der Hände, die ihres Kopfes, alles synchronisiert sich beim Check in fließender Präzision. Keine unnötigen Verrichtungen, nicht einmal Zögerlichkeiten von Sekundenbruchteilen sind zu erkennen. Dennoch bannt das Cockpit sie nicht, so dass es sie gefangen nehmen könnte. Jede kleinste Nebenkulisse haben sie, wie ein Insekt, das die Witterung einer Pflanze aufgenommen hat, gleichzeitig auf dem Schirm ihrer Gedanken. Wer Kampfjet fliegen will muss mit diesem Instinkt ausgerüstet sein. Diese Art Fliegen hat man nicht nur im Hintern, das hat man wie einen zweiten Herzschlag auf seinem eigenen Radar.
Trotzdem: auch Anwärter, die über jede Phase hinwegspaziert sind, als würden sie ein Piloten-Gen in ihrer Erbmasse tragen, kommen an manchen Tagen ins Zweifeln. Wenn Übungsszenarios einfach nicht so zügig fluppen wie sie es sich selbst zum Ziel gesetzt haben. Zweifel sind menschlich - Zweifel auszusprechen mutig. Nur wer Schwächen eingesteht, erkennt Handlungsbedarf. Das zeichnet diese Menschen aus. Sie bringen die nötige Reife mit, sich das eingestehen zu können. Konstruktivität entsteht durch Schwachstellen an denen man arbeiten kann, um sie zu kitten. Das wissen auch die Fluglehrer, die ein erstaunliches Gespür für ihre Anwärter entwickeln. Dem Informationsballungsraum Cockpit, in dem sich ein Neuling zurechtfinden muss, ist sicher kein ungeduldiger, oder leicht reizbarer Fluglehrercharakter zuträglich. Flugpädagogisches Wirken ist deshalb nur etwas für empathiefähige Piloten, die feinhörige Sensibilität besitzen und die schon mal beherzt eingreifen können, wenn eine fliegerische Situation aus dem Rahmen läuft. Die Luftwaffe kann hier auf einen exklusiven Pool an fähigen und erfolgreichen Ausbildern zurückgreifen.
Und die Damen im Kampfjet?
Da hatte die Berliner Zeitung um 1910 ihre eigene Ansicht über Frauen und Flugzeuge: "Eine unerhörte Verbindung! Das Fliegen erfordert die psychischen Kräfte eines Mannes!"
Dass Frauen ebenso gut fliegen wie Männer, haben kurze Zeit darauf einige Pionierinnen der Luftfahrt bewiesen, wie Amelia Earhardt (1897-1937), die erste Frau, die den Atlantik überflog, oder Elly Beinhorn (1907-2007), die mehrere Rekordflüge zurücklegte und erst mit 72 Jahren gewillt war, ihren Pilotenschein freiwillig abzugeben.
Die erste Kampfpilotin der Welt, Sabiha Gökçen (1913-2001), war die Adoptivtochter des Begründers der Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. In den Jahren 1927 bis 1938 flog sie für das türkische Militär Bombeneinsätze gegen den Dersim-Aufstand und nahm 1951 am Koreakrieg teil. Noch zu ihren Lebzeiten im Januar 2001 wurde der zweite Istanbuler Flughafen im kleinasiatischen Teil der Stadt, nach ihr benannt.
Bei der Luftwaffe schrieb Ulrike Flender Geschichte, sie war die erste Frau im deutschen Kampfjetcockpit und ist die erste Fluglehrerin für Kampfjetpilotenanwärter bei der Bundeswehr. Die Begegnung mit ihr lässt sofort spüren: Diese Frau lebt im Fliegen ihren Traumberuf. Hauptmann Flender ist völlig starallürenbefreit. Die Rolle der Pionierin hat sie anfänglich durch das Blitzlichtgewitter des öffentlichen Interesses völlig überrannt. In den Briefings taut die sonst eher scheue Pilotin auf. In flieger-d-englischer Sprache spielt sie im Trockenkurs leichtfüßig und mit unübersehbarer Begeisterung die geplanten Missions ihrer jeweiligen Flugschüler durch. Sie will nichts Besonderes sein, so sein wie alle eben, die hier ihren Dienst tun. Doch das haut nicht mehr hin, denn die Ersten hinterlassen Spuren für die Geschichtsbücher der Ewigkeit.
Mittlerweile befinden sich bei der Luftwaffe weitere Frauen in der Ausbildung zur Kampfjetpilotin. Sie würden beim heiteren Beruferaten das Rateteam auf jede Fährte locken können, ohne Gefahr zu laufen als solches, was sie tatsächlich sind, erkannt zu werden. Vielleicht ist gerade diese Tatsache das Faszinierende. Auch hier sind die Charaktereigenschaften bescheidene Zurückhaltung, ruhig-selbstsicheres Auftreten und überlegte Sprachlogistik, markant herausstechend.
Auch ein Kampfjetpilotenehepaar, das ebenso sympathisch wie selbstverständlich mit seiner persönlichen Konstellation, zu der auch ihr Nachwuchs zählt, umgeht, fliegt sich auf den EUROFIGHTER ein. Beide harmonieren und unterstützen sich gegenseitig in ihrem außergewöhnlichen Alltag mit Schleudersitz, den sie ganz bescheiden als völlig unspektakulär empfinden. Doch welches Kind kann schon behaupten, dass Mama und Papa mit Mach 2 unterwegs sind?
Das Gros der ausgebildeten Kampfjetpiloten wirkt souverän. Die Flugerfahrung mit vielen hunderten Stunden im Kampfjetcockpit hinterlässt Spuren. Da sind das Thema Krieg und Krisenmanagement, aber auch der Tod ständiger Begleiter. Sie wirken nachdenklich hinter ihrem wachen Blick und auch ihr Lächeln ist mit einer Nuance unterlegt, die nicht mehr so unbekümmert ist, wie bei Menschen, die sich nicht ständig in Extremen bewegen.

Christin-Désirée Rudolph im TaktLwG 73 "S"

Klischees werden bei einigen Kampfjetpiloten selbstverständlich auch bedient. Da ist die Maverick-Sonnenbrille schon mal als natürlicher Kopfschmuck bei überbelichtetem Himmel zu sichten. Doch was ist mit den Fliegeruhren? Auf Nachfrage schnellen die Arme mit einem Lachen nach vorne und die Fliegerärmel nach hinten, so dass der Uhrenklassiker der Pilotenmarke "besonders belastungsfähig" erkennbar wird. Der Favorit war klar. "Jedoch auch manche Billigmarken sind durchaus g-Kraft-tauglich", vermeldet die Uhrenegalistenriege unter den Kampfjetpiloten.
"Wie sie denn Autofahren", werden sie oft gefragt. Wer nun denkt, sie überholen Hamilton auf der Autobahn mit Gas am Anschlag, liegt völlig falsch. Die meisten sind froh, wenn sie entspannt im Unterschallbereich dahinfahren können. Kontrolliert powern ist ihr täglich Brot im Luftraum.
Die Menschen welche den Himmel knallen lassen, unterscheiden sich von Normalsterblichen mit einer wesentlichen Fähigkeit: Wenn die Queen um 14 Uhr 25 spontan am Fliegerhorst Laage für 15 Uhr zum Tee lädt, würde das hinhauen (15 Minuten bis Richtung Himmel - 20 Minuten bis London)!

 

Christin-Désirée Rudolph