Herr Bäcker-ehemaliger Fahrer des General Steinhoff

 

Herr Wilfried Bäcker berichtet als ehemaliger Fahrer des General Steinhoff im TaktLwG 73 "S"

"Bisher begleitete mich im Geschwaderalltag das gezeichnete Gesicht Steinhoffs regelmäßig, aber mehr als ein paar Wikipediafakten kannte ich von dem General nicht. Herr Bäcker vermittelte mir auf seine einfühlsame Weise einen lebendigen, persönlichen und sympathischen Einblick in die Person Steinhoffs, als wenn er gestern gelebt hätte. Am meisten begeistert haben mich die privaten Erlebnisse des Herrn Bäcker mit der Familie Steinhoff." StUffz Sarah Fröhlich, Inst/EloStff

Referent Herr Bäcker

 

Alles begann mit einem unscheinbaren Anruf im Frühling 2014. Eine männliche junge Stimme wollte seinen Nachlass aus einer gemeinsamen Zeit mit General Steinhoff dem Geschwader hinterlassen. Stimme und Intention passten zeitlich nicht zusammen. Die folgenden regelmäßigen Telefonkontakte entpuppten den verwitweten Herr Bäcker als ehemaligen Fahrer des General Johannes Steinhoffs zwischen 1970 und 1974. In dieser Zeit agierte unser Traditionsnamensgeber in Belgien als Viersternegeneral und Vorsitzender des Militärausschusses der NATO und Fahrer Bäcker lebte mit der Familie Steinhoff über drei Jahre in einem Haus. Nun weckte nicht nur der Nachlass des Herrn Bäcker meine Begehrlichkeiten, vielmehr das was in seinen Erinnerungen steckte. Es wurde ein Besuch vereinbart, eine Referenteneinladung verschickt und eine Historische Bildung im Geschwader organisiert und Herr Bäcker folgte der Einladung.

 

Ein Zeitzeuge im Interview

Am 19. November 2014 versammelten sich etwa 50 Angehörige inklusive der Geschwaderführung zu einem Interview mit dem Zeitzeugen in der O/UHG. Trotz Unterstützung durch Hauptmann Erik Pflanz und Hauptmann Frank Schulz wuchs meine Nervosität im unmittelbaren Vorfeld. Für uns alle war es eine Interviewprämiere - sowohl Gast als auch die Reaktion des Auditoriums waren für uns ungewiss. Alle Ängste erwiesen sich als unbegründet. Herr Bäcker zeigte sich als geschickter Redner und emotionaler Berichterstatter. Sichtlich berührt und zurückversetzt in eine prägende Lebensepoche schilderte er seine Erlebnisse mit Steinhoff. Schnell konnte die Moderation eingestellt werden, da das Publikum mit unserem Zeitzeugen von selbst interagierte und Herrn Bäcker viele schon fast vergessene Erinnerungen entlockte. Ich möchte Ihnen hier ein paar Auszüge vermitteln.

Hptm Pflanz: "Herr Bäcker! Jetzt wird man ja nicht einfach so Fahrer bei General Steinhoff. Können Sie uns die Personalauswahl schildern?" Herr Bäcker: "Ja das weiß ich noch ganz genau. Ich war auf dem Fahrlehrerlehrgang in Faßberg 1970 und dann wurde ich vom Hörsaal in das Stabsgebäude gebeten - ich solle Generalsfahrer werden. General Steinhoff geht nach Brüssel und ich solle dorthin gehen und das habe ich abgelehnt, weil ich schon Generalsfahrer in Frankreich war und die Einschränkung meiner Freizeit doch erheblich war. … 14 Tage später kam wieder ein Anruf und ich stellte mich vor. …. Und dann komme ich dort in das Büro und wer steht dort? Der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, General Vogel, den ich schon in Frankreich gefahren habe und dann saß da der General Steinhoff und dann hat man mich da befragt. Dann wurde ich darauf hingewiesen, was auf mich zukommt. Protokoll noch Lernen - ich war ja auch in seinem Haus mit tätig, wenn Empfang war. Vorlegen von Speisen - bei internen Arbeitskreisen und ob ich das will. Ja habe ich gesagt. Ich war ja noch ledig und drei Jahre Brüssel fand ich interessanter, als wenn die mich als Fahrlehrer irgendwo hinschicken. 'Ja dann machen wir das so!', sagte Steinhoff. 'Haben Sie jetzt Forderungen an mich?' Ja, sagte ich. Ich möchte Feldwebel werden. …. 'Ja wenn das die einzige Forderung an mich ist, dann Hand drauf' und so bin ich Generalsfahrer geworden."

Historische Bildung 19.November 2014 in der O/UHG

Hptm Pflanz: "Waren Sie integriert in die Familie?" Herr Bäcker: "Es gab in dem Sinne: (Pause - überlegt) 'Haben Sie am Wochenende was vor?', fragte Steinhoff. 'Dann fahren wir nach Brügge und machen Familienausflug!' Dann hat er seine Haushälterin, seine Köchin und seine Frau - natürlich an erster Stelle seine Frau (Gelächter bei den Gästen) - und dann mich als Fahrer eingesammelt und dann sind wir nach Brügge gefahren und haben uns Brügge angesehen. Oder er fragte: 'Was haben Sie heut' Nachmittag vor?' Ich sagte: "Nix!" 'Dann fahren wir in den Reitstall. Mein Pferd muss bewegt werden. Sie setzen sich drauf und ich longiere.' Ich hatte auch nie Probleme damit, wenn er mich fragte: 'Ist ihnen das zu viel?' Das war halt so."

Herr und Frau  Steinhoff um 1970

Herr Bäcker schilderte sein Verhältnis zu General Steinhoff als höflich und korrekt mit einer unkonventionellen Mischung aus Respekt und trotzdem einer gewissen Nähe mit persönlicher Sympathie auf beiden Seiten. Der Zeitzeuge zeigte sich tief beeindruckt von der Menschlichkeit Steinhoffs, schildert vordringliche Charaktereigenschaften wie Pünktlichkeit, Bescheidenheit aber auch Behaarlichkeit und Fokussierung auf die Sache, die Steinhoff vorlebte und von seinem Umfeld forderte. Dazu ein Beispiel: Herr Bäcker (berichtet über einen Truppenbesuch): "Wir sind zu einem Jagdbombergeschwader gefahren und dann hat er mit dem Kommodore gesprochen 'Wie haben Sie sich den Ablauf vorgestellt?' Dann hat der Kommodore ihm erklärt, was er so vor hat. Und dann hat er (Steinhoff) ja auch keine Hemmungen gehabt und ich musste dann immer wegschauen und so tun als wenn ich nicht da bin. 'Ich bin nicht hierher gekommen, um mit Ihnen das Offizierscasino zu besichtigen, Ich bin nicht hierher gekommen, um mir irgendwelche schönen Geschichten anzuhören. Wir wollen sehen: Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den Offizieren und Unteroffizieren, wie läuft der Betrieb? Ich will Betrieb sehen und nicht im Offz-Heim Kaffee trinken.' Der Kommodore war sehr pikiert. Ich habe mich umgedreht und der Adju hat auch so getan, als wenn er nicht da wäre."

In einer Zeit, die vom RAF-Terrorismus und Spionage zwischen Großmächten geprägt war, strahlte General Steinhoff Ruhe und Sicherheit auf seinen Fahrer Bäcker aus und dieser berichtet wie folgt: "Kein gepanzertes Fahrzeug, kein nichts, kein gar nichts. Ich hatte meine Dienstwaffe, eine Pistole, die sollte ich zuhause in der Waffenkammer lassen. Und dann hat er (Steinhoff) gesagt: 'Was wollen Sie damit? Wie wollen Sie mich damit beschützen, wenn die mit drei Autos und Maschinenpistolen ankommen? Dann eskalieren Sie die Situation nur, dann knallen Sie uns so oder so ab. Dann sollen Sie lieber meine Aktentasche klauen. Das Ding lassen wir zuhause.'"

Der von der Arbeit und seiner Dienstbeflissenheit hoch belastete Steinhoff genehmigte sich nach Bäckers Aussagen nur selten die Annehmlichkeiten eines schönen Lebens. Zwar pflegte er Entspannung beim Reiten und Malen, eher in notwendigen Pausen, aber war mit Leib und Seele seiner Profession verschrieben. Auch sein privates Umfeld bestand so wie Bäcker selber aus dienstlichen Kontakten, die durch seine Menschlichkeit freundschaftliche Züge trugen, aber auch auf Distanz gehalten wurden.

Oberstleutnant Henning Dr. zur Nieden: "In welchem Maße gab es eine Privatperson Steinhoff? Hatte er Freunde?" Herr Bäcker: "Nein, nein gar nichts! Öfter war mal der Verteidigungsminister Schmidt da oder der spätere NATO-Generalsekretär Wörner und ansonsten, wenn ich mal Urlaub hatte, war einmal sein Sohn da. Aber dass er so Freunde hatte oder Besuche über längere Zeit - nein gar nicht. Die bei ihm übernachtet haben, waren meist dienstliche Dinge, wie Verteidigungsminister Schmidt. Dann hat er (Steinhoff) mich gefragt: 'Bäcker haben Sie eigentlich schon ein Schreibtischset? Nein? Können Sie haben. Der Schmidt hat mir eins geschenkt." (im Publikum Gelächter) "So hat er gesprochen. Ich übertreibe nicht. Und dann bekam ich ein schönes Schreibtischset."

Nach Beendigung seiner Dienstzeit bei General Steinhoff verliefen sich die Kontakte zwischen Fahrer und General. Herr Bäcker schilderte eine Begebenheit zu seinem Abschiedsgeschenk: "Das Bild zum Abschied. Das ist eine Skizze, die hat er handgefertigt - aus dem Auto heraus in Norwegen auf einer Militärtour mit Bleistift und zuhause hat er das Aquarell draus gemalt, weil ich mir das gewünscht hab von ihm persönlich und ich ja auch dabei war."

 

Abschiedsgeschenk Steinhoffs an Fahrer Bäcker

Um es mit Frau Fröhlichs Worten zu sagen: Auch bei mir vermochte Herr Bäcker Steinhoff lebendig werden zu lassen. Vor allem wuchs über die drei Besuchstage des Gastes mein Stolz auf unseren Traditionsnamen, der sicherlich kritische Lebenspassagen beinhaltet, aber bezeugte, erstrebenswerte, menschliche Tugenden verbildlicht und enorme militärische Leistungen demonstriert.

Meinen Dank an unseren Zeitzeugen, der neben den Impressionen auch eine Vielzahl von Erinnerungstücken dem Geschwader hinterließ. Bäckers Abschiedsgeschenk von Steinhoff ist nun in unserer Militärgeschichtlichen Sammlung zu besichtigen.

 

Oberstlt Robert Seibt

Stab TaktLwG 73 "S"