Fliegerhorst der Einheit

Im 1989 stand Mitteleuropa im Zentrum der Berichterstattungen. Ein Umwälzprozess im damaligen "Ostblock" ließ den "Westen" aufmerksam werden. Der Mauerfall am 9. November 1989 in Berlin besiegelte nicht nur die Geschichte der DDR.

 

Fliegerhorst der Einheit

 

In den Staaten des Warschauer Vertrages begehrte die Bevölkerung ebenfalls auf, um sich gegen diktatorische Verhältnisse und Unfreiheit zur Wehr zu setzen. In Polen kündigte sich der Systemwechsel gut zehn Jahre vorher an. Die beiden deutschen Staaten waren in der Zeit nach dem Mauerfall besonders im Interesse der Siegermächte. Die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika signalisierten frühzeitig ihre Bereitschaft, Deutschlands Vereinigung zu unterstützen. Großbritannien und Frankreich gaben ihre Zustimmung mit deutlicher Verspätung.
Gut elf Monate nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Einigung beider Teile Deutschlands vollzogen. In der Nacht zum 3. Oktober 1990 trat die Deutsche Demokratische Republik (DDR) dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bei. Mit diesem geschichtlich einmaligen Akt wurde vollzogen, was das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in Kraft getreten am 24. Mai 1949, im Artikel 146 als Präambel beinhaltete: "Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden."
Beide Teile Deutschlands erlebten in der Zeit danach eine Veränderung - im Osten stärker als im Westen des Landes. Am 3. Oktober 1990 veränderte sich auch die Bundeswehr: Die Nationale Volksarmee der DDR wurde in die Bundeswehr integriert. Tage vorher richtete sich der Dienstbetrieb in den NVA-Dienststellen auf die Umfirmierung zur Bundeswehr aus. Viele NVA-Soldaten konnten zunächst für zwei Jahre übernommen werden - uniformierte Frauen wurden entlassen oder als Beschäftigte eingestellt. Die vormals NVA-Angehörigen erfuhren eine Überprüfung ihrer Vorgeschichte und jene mit einer Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit ("Stasi") wurden entlassen, auch in den weiteren Jahren danach. Dafür gab es einen geflügelten Satz: Sie wurden gegauckt. Der erste Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, und heutige Bundespräsident stand für den Aussortierungsprozess unfreiwillig mit seinem Namen Pate. Die Bundeswehr hatte entsprechend des "Zwei-plus-Vier-Vertrages" über die Souveränität Deutschlands, geschlossen zwischen beiden deutschen Staaten und den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, eine erhebliche Truppenreduzierung auf 370000 Soldaten in wenigen Jahren umzusetzen - das bedeutete einen Personalabbau von ungefähr 37 Prozent. Vor der Einheit hatten die Bundeswehr 495000 und die NVA 90000 aktive Soldaten. Die Reduzierung verlief alles andere als gerecht. Pragmatismus war gefragt, eine geschichtliche Vorlage gab es nicht. Das dient weniger der Entschuldigung, eher als Erklärung. Die Umstrukturierung der Bundeswehr zur gesamtdeutschen Armee erzwang Entscheidungen über die Verlegung, Aufgabe oder Modernisierung von Standorten, den Verkauf oder die Integrierung von Waffensystemen, die Schulung und Umkleidung des (neuen) Personals.
Die Armee der Einheit gelang schneller als erwartet. Die Umstrukturierung erforderte die örtliche Veränderung von Soldaten und Beschäftigten in alle Himmelsrichtungen des Landes. Grundwehrdienstleistende wurden in großer Zahl außerhalb ihrer Heimat einberufen und leisteten ihren Wehrdienst im "anderen Teil" Deutschlands. Die unterschiedliche Entlohnungshöhe innerhalb der Bundeswehr bestimmte über Jahre den Alltag der Soldaten im Osten des Landes. Vor Ort hatten Dienstgradgleiche womöglich in derselben Tätigkeit und Einheit unterschiedliche Lohnzettel in der Hand. Soldaten oder Beschäftigte, die ihren Dienstort von West nach Ost verlegt hatten, erfuhren keine Einbußen - die Bezüge der ostdeutschen Kameraden und Kollegen wurden mit wachsender Wirtschaftskraft stetig angehoben. Erst Anfang 2008 erfuhren die Soldaten eine finanzielle Gleichbehandlung.
25 Jahre nach der Einheit Deutschlands ist die Bundeswehr international einsatzerfahren. 1955 aufgestellt als Verteidigungsarmee, wurden die ersten Sanitätssoldaten bereits 1991 in Kambodscha als Teil einer UN-Mission eingesetzt. Inzwischen waren und sind Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr auf dem afrikanischen Kontinent, im Mittelmeer, im Indischen Ozean und in Asien im Einsatz.
Auch die äußere Erscheinung der Bundeswehr änderte sich: Immer mehr Frauen treten ihren freiwilligen Wehrdienst an. Waren es 1975 zunächst weibliche Sanitätsoffiziere, 1991 Militärmusikerinnen, folgten ab 2001 die ersten "richtigen Soldatinnen" zum Dienst an der Waffe. Der Europäische Gerichtshof stellte ein Jahr zuvor fest, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundeswehr nicht gegeben sei. Die Bundeswehr verzichtete auf weitere Rechtsmittel. Vielmehr wurden den interessierten Bewerberinnen alle Laufbahnen und Verwendungen geöffnet. Der "maskuline Beruf" des Soldaten bekam weichere Züge - und sie stehen im gut. Heute befinden sich Frauen in Kommandeursverwendungen, sind Einheitsführer, gehen mit der Waffe in den Einsatz, befehlen Schiffe und sind Pilotin in hochkomplexen Kampfjets - gleichrangig geschätzt. In der beruflichen und einsatznahen Realität ist inzwischen die Vielfältigkeit zur Normalität geworden.
An dieser Stelle bietet sich einen Schwenk gezielt nach Laage, wo die erste EUROFIGHTER-Pilotin seit Anfang 2015 auch als erste Fluglehrerin auf dem Kampfflugzeug ihren Dienst versieht.
Auf dem Fliegerhorst begann am 3. Oktober 1990 die Außerdienststellung der beiden ansässigen Su-22-Geschwader. Von der NVA übernommene fliegende Waffensysteme wurden aus dem Norden bis Brandenburg nach Laage verbracht und dort zerlegt, entmilitarisiert, veräußert oder Museumszwecken zugeführt.
Der Fliegerhorst Laage entwickelte sich zu einem militärischen Vorzeigeobjekt der Einheit Deutschlands. Das von der NVA durch die Bundeswehr übernommene Personal in Laage, die ab 1993 aus dem brandenburgischen Preschen versetzten Soldaten und Beschäftigten und die Kameraden und Kollegen aus dem rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim (ab 1997) wuchsen am gemeinsamen Standort Laage über die folgenden Jahre zu einem ganz besonderen Geschwader zusammen.

 

MiG-29, hier die 29+04 in Laage kurz vor der Überführung nach Polen, das Kabinendach ist noch in Rollstellung

 

Die Waffensysteme MiG-29 (Preschen) und F-4F PHANTOM (Bad Sobernheim) wurden 1994 und 1997 auf den Fliegerhorst Laage verlegt. Das Jagdgeschwader 73 "Steinhoff" und sein neuer Standort fanden weltweite Beachtung. Bis heute ist diese Waffensystemausstattung eines Verbandes in der NATO einmalig. Die unterschiedlichen Hintergründe und Herkünfte der Geschwaderangehörigen verschmolzen mit der Zeit zu einer Einheit mit ehrgeiziger Einstellung. Die Einführung des EUROFIGHTER 2004 in Laage war nach den Herausforderungen an den Flugbetrieb mit zwei Waffensystemen die nächste gemeinsame Anstrengung.
Von 2005 bis Ende 2015 wurden rund 250 fliegerische Ausbildungen auf dem EUROFIGHTER erfolgreich beendet. Seit 1997 gab es keinen fliegerischen Zwischenfall. Der EUROFIGHTER verlegte 2009 zum ersten Mal von Laage interkontinental nach Indien. Die Distanz wurde mit dem damals ebenfalls neuen Luftwaffentanker Airbus A310 MRTT gemeinsam durchgeführt, der die Luftfahrzeuge abwechselnd im Flug betankte.
Die EUROFIGHTER-Verbände verlegten von 2010-2011 fast alle Luftfahrzeuge und Fluglehrer nach Laage, um mehr Schüler in kürzerer Zeit ausbilden zu können. Der Vorschlag kam vom damaligen Kommodore des Jagdgeschwaders 74 in Neuburg. Das Team Luftwaffe, so wie sich die Luftwaffe selber sieht, hat bewiesen, dass das verbandsübergreifende Miteinander "ungeahnte Kräfte" hervorragend mobilisiert.
In den Jahren 1998, 2001, 2006, 2009 und 2014 wurden in Laage Tage der offenen Tür durchgeführt. Die Besucherzahlen waren jeweils sehr groß.
Die Einheit Deutschlands, wie die Einheit der Verteidigungsarmee Bundeswehr darf, nein, muss als Erfolg gewertet werden. Es gab keine Orientierung an historischen Vorbildern, aber es gab Visionäre in führenden Funktionen, die es verstanden haben, den Menschen ein Leitbild, ein Ziel zu vermitteln. Es gab und gibt Menschen, die bis heute unermüdlich um Einheit und Zusammenhalt in der Gesellschaft bemüht sind. Das kostet mehr Anstrengung in der Argumentation als militärische Bedrohungsszenarien heraufzubeschwören. Sie werden Recht behalten.
In der Bundeswehr, auf dem Fliegerhorst Laage übernimmt die Nachwendegeneration Mitverantwortung. Die lokale Herkunft ist von geringem Interesse - auf dem Fliegerhorst der Einheit.

 

Hptm Erik Pflanz
Stab TaktLwG 73 "S"