Das traurige Ende einer Legende

Überreste der F-4E PHANTOM

 

Die letzte F-4E PHANTOM in der Bundeswehr

Ein metallisch klingendes, knirschendes Geräusch durchdrang die Ruhe auf der alten Außenbremsplatte "Otto". Es waren die Zähne eines Greifarmbaggers, die sich am Vormittag des 4. November 2013 unaufhaltsam durch den Rumpf der altgedienten PHANTOM bissen. Fast schien es, als würde die Maschine noch einmal versuchen, ihrem unausweichlichen Schicksal entfliehen zu wollen. Doch die erfahrenen Männer des Schrott- und Metallhandels Wilhelm Wiebe KG ließen ihr keine Chance! Haben sie doch schließlich auch ein mehrere Tonnen schweres Stahlgewicht dabei, das immer wieder aus einiger Höhe auf die Überreste der Maschine fallen gelassen wird, um auch die letzten widerspenstigen Teile zu entzweien. Auch die hydraulisch betriebene Abbruchzange kam als Anbaugerät des Baggers zum Einsatz. Nach nur etwas mehr als vier Stunden sind nur noch einige Splitter von der einst so stolzen PHANTOM übrig.

 

Die Maschine, eine F-4E mit der Serialnummer 75-0631, wurde im Herbst des Jahres 1975 bei McDonnell Douglas in Auftrag gegeben. Sie hatte ihren Erstflug am 19. Mai 1977 und wurde am 15. Juli 1977 ausgeliefert, wobei sie die 4951. PHANTOM war. Sie war eine von insgesamt zehn Maschinen der Variante E, die für die Bundeswehr zur Besatzungsausbildung beschafft wurden. Die Maschinen erhielten die Serialnummern 75-0628 bis 637. Sie flogen bei der 20. Tactical Fighter Squadron, die dem 35. Tactical Fighter Wing unterstellt war und für die Besatzungsausbildung der deutschen PHANTOM-Besatzungen verantwortlich war.

 

F-4E PHANTOM 75-0631 ca.1990 in George AFB

 

Wegen der meist sehr guten Wetterbedingungen wurden die Maschinen auf der George AFB in Californien stationiert. Als aufgrund von Budgetkürzungen nach Ende des Kalten Krieges die George AFB 1992 geschlossen wurde, verlegte die 20.TFS (die von 1992-1993 kurzzeitig 9.TFS hieß) zur nicht minder sonnigen Holloman AFB in New Mexico, wo bereits das berühmte 49.TFW stationiert war, das damals noch die F-117 (heute F-22) flog. Die 20. TFS hatte ca. 20 Luftfahrzeuge im Bestand. Unterstützt wurden die Bundeswehr-Maschinen durch anfangs zehn amerikanische F-4E, wobei deren Anzahl im Laufe der Jahre durchaus schwankte. Waren es zeitweise 17, pendelte sich die Zahl schließlich bei 13 ein. Was letztlich auch nötig war, da im Laufe der Jahre drei Bundeswehr-Maschinen verloren gingen! Die amerikanischen Maschinen waren bei ihrer Ausmusterung im Jahr 1996 auch die letzten Maschinen dieses Types bei der USAF (mit Ausnahme der Drohnen QF-4). 1996 gesellten sich übrigens auch die ersten TORNADO in Holloman dazu. Im Oktober 1997 machte dann "unsere" PHANTOM schließlich ihren letzten Ausbildungsflug in Holloman. Zusammen mit den anderen verbliebenden Maschinen wurden sie im Februar 1998 nach Deutschland überführt. In Deutschland wurden die Maschinen auf verschiedene Einheiten verteilt, wo sie nach der üblichen Demilitarisierung meist als ABDR-Trainer (Airborne Battle Damage Repair) dienten. Unsere F-4E hingegen war bis Anfang 2011 als Sockelmaschine vor dem Staffelgebäude der 2. Fliegenden Staffel im Einsatz, wo sie durch die F-4F mit taktischem Zeichen 38+73 ersetzt wurde. Im Jahr 2009 erhielt sie im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen unseres Verbandes sogar eine Sonderlackierung.

 

F-4E PHANTOM-Sockelmaschine vor dem Staffelgebäude der 2. Fliegenden Staffel

 

Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, dass in unserem Verband die F-4F nicht weniger als 27 Jahre flog (1975-2002), wobei in den ersten Jahren die Jagbomberrolle im Vordergrund stand. Erst ab 1994 ist unser Verband wieder mit den Aufgaben eines Jagdgeschwaders beauftragt worden, was eine Umbenennung von Jagbombergeschwader 35 zu Jagdgeschwader 73 nach sich zog. Unter diesem Namen wurde unser Geschwader im Jahr 1959 auch in Dienst gestellt! Die letzte eigene aktive F-4F in Laage mit dem taktischen Kennzeichen 38+75 wurde übrigens im September 1976 ebenfalls an das damals noch in Pferdsfeld stationierte Geschwader übergeben.
Die auflackierte Bordnummer 35+73 (für JaboG 35 und JG 73) war übrigens im Original an eine RF-4E vergeben, die jedoch bereits 1993 an die türkische Luftwaffe abgegeben wurde. Die deutschen F-4E flogen hingegen mit Kennzeichen der amerikanischen Luftwaffe, was hauptsächlich damit zusammenhing, dass sie in die Kommandostruktur der USAF eingebunden waren. Die Ausbildung der PHANTOM-Besatzungen in Holloman ging übrigens noch bis zum 20. Dezember 2004 weiter. Nun allerdings mit 16 F-4F wiederum in Markierungen der amerikanischen Luftstreitkräfte. Nachdem durch die LIG 21 noch einige Dichtungen aus gefährlichem Asbest entfernt wurden, war die Maschine nun bereit für die Verwertung. Über die VEBEG GmbH wurde die Maschine schließlich an das Entsorgungsunternehmen aus Niedersachsen veräußert. Die 75-0631 war die letzte noch existierende F-4E PHANTOM der Bundeswehr.

 

StUffz Michael Hidde
Inst/EloStff TaktLwG 73 "S"